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Wenn andere mitentscheiden

Jugendliche wählen seltener frei, als es aussieht. Was ihnen hilft, den eigenen Kopf zu behalten.

Eines Nachmittags erklärt die Tochter, die seit Jahren mit Freude Cello spielt, sie wolle aufhören. Die Begründung kommt rasch und klingt erwachsen. Es bringe ihr nichts mehr und passe nicht zu ihr. Man hört zu und stutzt, denn die Sätze kommen zwar aus ihrem Mund, doch die Wortwahl wirkt geliehen. Es ist, als spräche jemand mit, den man nicht sieht.

Solche Augenblicke kennen viele Eltern, und die meisten deuten sie falsch. Man beginnt eine Debatte über das Instrument und die verlorenen Jahre und übersieht dabei die Frage, auf die es ankommt. Hat das Kind gerade selbst entschieden, oder hat es etwas übernommen?

Am Erwachsenwerden beunruhigt Eltern meist der laute Widerspruch. Dabei ist die leise Anpassung, die kaum jemand bemerkt, das eigentlich Bemerkenswerte. In kaum einem Lebensalter zählt Zugehörigkeit so viel wie mit fünfzehn, und wer dazugehören will, übernimmt die Maßstäbe der Gruppe, oft ohne es zu merken. Dazu kommt heute ein Publikum, das nie schläft. Was früher der Freundeskreis auf dem Schulhof war, läuft jetzt rund um die Uhr auf dem Bildschirm weiter und kommentiert mit.

Einfluss wirkt am zuverlässigsten, wenn er unsichtbar bleibt. Eine übernommene Meinung fühlt sich von innen an wie eine eigene Überzeugung, und gerade das macht sie so schwer zu erkennen. Das ist keine Schwäche des Kindes. So wirkt Beeinflussung auf uns alle, nur trifft sie hier auf einen Menschen, der sich gerade erst sortiert.

An dieser Stelle greifen Eltern gern zum naheliegenden Mittel und drücken dagegen. Sie führen Argumente ins Feld und erinnern an die frühere Begeisterung. Der Gedanke dahinter ist verständlich, doch das Ergebnis fällt meist gegenteilig aus. Wer mit gleicher Kraft gegen die Entscheidung anschiebt, reiht sich in die Menge derer ein, die an dem Kind ziehen, statt ihm den eigenen Willen zurückzugeben. Das Kind wählt dann zwischen zwei fremden Polen, dem der Freunde und dem der Eltern, und frei ist es in beiden Fällen nicht. Es liegt eine stille Ironie darin, dass ausgerechnet die Eltern, die den fremden Einfluss am meisten fürchten, zu seinem lautesten Verstärker werden.

Was hilft, ist unbequemer, weil es langsamer ist. Ein Jugendlicher gewinnt seinen eigenen Standpunkt selten durch bessere Gegenargumente zurück. Er braucht eher einen Raum, in dem er den Unterschied zwischen einer bequemen und einer eigenen Antwort überhaupt bemerkt. Dazu gehören Fragen, die nichts erzwingen, etwa was er selbst denkt, wenn niemand aus der Gruppe zuhört, oder ob die Begründung von eben sich wie seine eigene anfühlt. Und es hilft die schlichte Erinnerung, dass eine Entscheidung selten so eilt, wie sie sich anfühlt, denn Einfluss verliert an Kraft, sobald man ihm Zeit lässt.

Das Ziel ist dabei nicht, das Cello zu retten. Vielleicht war der Wunsch aufzuhören am Ende doch der eigene, und dann ist er zu achten. Es geht darum, dass die Tochter weiß, dass die Entscheidung ihr gehört, wie immer sie ausfällt. Ein Kind, das gelernt hat, die eigene Stimme von den geliehenen zu unterscheiden, ist für den nächsten Druck besser gerüstet als eines, dem man diesmal das richtige Ergebnis abgerungen hat.

Genau hier stoßen Eltern an eine Grenze. Sie sind Partei. Sie wünschen sich das Cello und die guten Noten, und das Kind spürt diesen Wunsch in jedem Gespräch mit. Ein geschulter Blick von außen trägt diesen Wunsch nicht in sich. Er kann die Frage stellen, die im eigenen Haus sofort nach Vorwurf klingen würde, und dem Jugendlichen helfen, sein eigenes Urteil wiederzufinden, ohne dass daraus ein weiteres Tauziehen wird.